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Ein neuer Trend – das visuelle Protokoll

Haben Sie schon einmal etwas von „Graphic Recording“ gehört? Ich selbst habe in einem Workshop einen Graphic Recorder bei seiner Arbeit beobachten dürfen. Es ist eine sehr faszinierende Technik.

Was hinter dieser Visualisierungstechnik steckt, wie sie funktioniert, wie davon Unternehmen profitieren können und wie man diese Technik erlenen kann, habe ich Mathias Weitbrecht von Visual Facilitators gefragt.

Meike Kranz: Herr Weitbrecht, bitte erklären Sie mit ein paar Worten „Graphic Recording“.

Mathias Weitbrecht: Bei Graphic Recording geht es um das visuelle Dokumentieren was in einem Workshop, einem Vortrag oder in einem World Café gesprochen und präsentiert wird. Es handelt sich also um das Erfassen der Inhalte eines Sprechers oder einer Gruppe mit der Absicht, gemeinsames Verständnis, Einsichten und Lernen zu ermöglichen – als großes Wandbild oder digital. Das passiert in der Regel live in Echtzeit – Es entsteht ein visuelles Protokoll…

Meike Kranz: Dann müssen Sie ja richtig gut zeichnen können.

Mathias Weitbrecht: Wir sprechen von “Visualisieren”, denn wir schreiben ja auch ganz viel. Das Zeichnen ist also nur ein Teil der Methode. Und nichtmal der Wichtigste: Vielmehr geht es darum, komplexe Inhalte zu verstehen, zu filtern, auf ihre Essenz zu reduzieren und dann erst teilweise in Bilder zu übersetzen. Dabei ist auch meine Fähigkeit des Zuhören gefragt. Erst dann wandle ich die gesagten Worte in Zeichnungen um. Zum Beispiel: Eine Idee wird zu Glühbirne, ein Telefonhörer symbolisiert Kommunikation, eine Aktentasche kann für Geschäfte stehen. Ein Strichmännchen mit einem Trichter über dem Kopf und darüber viele „i“ bedeutet Informationssammlung. Häufig liefern die Sprecher die passenden Bilder selbst, z.B. wenn von einem Kompass die Rede ist, mit dem das Unternehmen durch die globalisierte Welt navigieren muss.

Meike Kranz: Für die Visualisierungen benötigen Sie viel Platz. Oft sind es regelrechte Papierbanner, die auch mal 1,5 m hoch und 3,5 m lang sind. Wie teilen Sie sich den Platz ein – das ist mein größtes Problem schon alleine an einem Flipchartblatt.

Mathias Weitbrecht: Ich plane durchaus den Platz, z.B. anhand der Anzahl der Sprecher oder inhaltlicher Schwerpunkte. Der Rest ist eine große Portion Intuition, sowie Erfahrung: Es entwickelt sich im Laufe der Live-Visualisierung. Ich fange ja nicht immer links oben an und höre rechts unten auf. Oft springe ich viel hin und her. Es sind ja auch nicht nur Zeichnungen, sondern auch Wörter, die das Bild ergänzen. Stichworte oder auch kurze Sätze.

Meike Kranz: Inwiefern profitieren Unternehmen davon, wenn eine Tagung oder Diskussion visualisiert wird?

Mathias Weitbrecht: Wenn z.B. ein Unternehmen mit allen Mitarbeitern ein World Café durchführt, dann werden zu unterschiedlichen Themen parallele Gespräche geführt. Hier liegt der hohe Wert darin, die vielen verschiedenen Perspektiven für die Teilnehmer sichtbar werden zu lassen und ihnen einen vernetzen Überblick zu schenken. Dann sehen sie etwas, was sie vorher nicht wahrgenommen haben. Daraus können neue Ideen und Lösungen entstehen.

Meike Kranz: So, wie Sie es beschreiben, sollte eigentlich jedes Unternehmen in seinen Besprechungen und Projektmeetings Graphic Recording einsetzen. Also weg von überladenen PowerPoint-Präsentationen hin zu lebendiger Visualisierung. Wie kann man diese Technik lernen?

Mathias Weitbrecht: PowerPoint hat durchaus seinen Wert: zum Liefern der Informationen. Nicht aber zum Nachhalten der Inhalte nach einem Event! Da kommen “Big Pictures” wie ein Graphic Recording ins Spiel. Dur Grundlagen dazu hat jeder Mensch: Jeder ist in der Lage, einfache Formen zu zeichnen. Visualisierung ist auch nicht Kunst oder Illustration. Oft reicht es aus, wenn man eine Zeichnung zu 20% erkennt. Unser Gehirn ist abstraktionsfähig, daher können wir auch die einfachsten Formen erkennen und weiterverarbeiten. Wir, Malte von Tiesenhausen und ich, bieten einen Online-Kurs an, in dem wir den Teilnehmern zeigen, welche Grundlagen Sie benötigen und wie der Transfer in die eigene Arbeit funktioniert. Die Teilnehmer erhalten ein Start-Paket und Handbücher. Außerdem erklären wir alles in einzelnen Videos. Und natürlich vielen Übungen.

Meike Kranz: Ich muss also nicht bereits gut zeichnen können?

Mathias Weitbrecht: Nein. Visualisierungen müssen nicht schön sein, sie müssen einfach nur funktionieren. Die wichtigsten Voraussetzungen für unseren Kurs sind zum einen, dass Sie bereit sind, sich darauf einzulassen und zum anderen Mut, etwas zu visualisieren.

Meike Kranz: Vielen Dank für diesen kurzen Einstieg in das Thema Visualisierung und Graphic Recording.


Über den Autor

Mathias Weitbrecht ist Visualisierungsexperte und einer der gefragtesten Graphic Facilitator und Graphic Recorder Deutschlands. Mittels bildunterstützter Facilitation und visuellen Live-Protokollen trägt er dazu bei, dass Meetings, Projekte und Konferenzen Kommunikationsziele erreichen, strategische Potenziale nutzen und neue Lösungen kreieren können. Er kann komplexe Zusammenhänge mit einfach verständlich machen und schenkt durch seine Arbeit erweiterte Perspektiven und die Unterstützung von Co-Kreation.
Er ist der Begründer von Visual Facilitators. Mit dem ca. 20-köpfigen Team unterstützt er Events jeder Art, an jedem Ort und in jeder Größe.

Kontakt: http://visualfacilitators.com/